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„Bora – Eine Geschichte vom Wind“ von Ruth Cerha

Posted in gelesen & ..., and geliebt

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Die Bora wehte nun schon den dritten Tag, und statt der sonnensatten Zufriedenheit, in die mich sonst spätestens nach einer Woche auf der Insel zurücklehnte, empfand ich eine vage Unruhe. Es fühlte sich an, als wäre meine Silhouette verrutscht und stimmte nun nicht mehr mit den Rändern meines realen Körpers überein.

 

Kennt ihr dieses Gefühl? Wenn man so sehr unter Strom steht, dass man gar nicht mehr zur Ruhe kommt? Wenn der Kopf nach Ideen schreit, aber keine findet? Diese Unruhe, die einen befällt, wenn man mit sich und seinen Leistungen nicht mehr zufrieden ist? Der Körper schreit nach Erholung, aber man kann einfach nicht abschalten.

So geht es Mara, die einfach keine neuen Ideen für ihren nächsten Roman findet. Doch statt Kopf und Körper einfach mal Erholung zu gönnen, wird sie von einem Gefühl umhergetrieben, welches ihr eine Unruhe beschert. Als sie dann zufällig diesem Unbekannten Mann am Hafen begegnet, ist es mit ihrem Seelenfrieden vorbei. Ihr Gefühlsleben gleicht der Bora, stürmisch und unruhig.

Ruth Cerha beschreibt in dieser Geschichte nicht nur auf sehr eindringliche Art, das Seelenleben von Mara und später auch Andreij, dem unbekannten Mann vom Hafen, sondern auch die Bora und die Insel selbst. Jede Figur nimmt gerade soviel Raum ein, dass sie ganz wunderbar nebeneinander und miteinander existieren können. Die Insel, deren Namen nicht genannt wird, wird einem während des Lesens so vertraut, dass man glaubt dort zu sein.

Die Bora wirkt sich nicht nur auf das Gefühlsleben der Protagonisten aus, sondern auch auf das eigene. Sie wühlt auf, pustet einem den Kopf frei und wenn sie plötzlich verschwindet, spürt man wie die Sonne vom Himmel strahlt. Eine innere Zufriedenheit kehrt ein, die jedoch in keinster Weise die Neugier auf das befriedigt, was da noch kommen mag. Sei es die Entwicklung von Mara, die Vergangenheit von Andreij und seiner Familie, oder auch die Insel selbst, die die Autorin in ihrer vollen Schönheit erstrahlen lässt.

Man möchte gar nicht mehr aus den Seiten auftauchen, sondern viel lieber den Unterhaltungen der Inselbewohner lauschen. Man möchte mit Mara spazieren gehen, die warme und salzige Luft einatmen, an den Klippen sitzen und aufs Meer sehen. Man trinkt morgens gemeinsam mit ihr Kaffee, und freut sich schon auf das gemeinsam Glas Wein am Abend. Selbst die nächste Bora sehnt man herbei.

 

Die Bora überraschte mich nicht. Sie kam und wehte alles Gegrübel, alle Gefühle der Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit, die bohrenden Selbstzweifel und die ganze Schwere der Sehnsucht einfach fort. Zurück blieb eine azurblaue Durchsichtigkeit, fast eine Art meditative Leere in meinem Kopf, und ein paar große Kirchenglocken, die direkt in meinem Brustkorb läuteten… Es war etwas beängstigend, aber völlig unmöglich, sich dagegen zu wehren.

Und genauso ist es auch mit „Bora – Eine Geschichte vom Wind„. Es ist ein bisschen beängstigend, wie sehr einen die Geschichte in ihren Bann zieht und einfach nicht mehr loslässt. Man klappt das Buch zwischendurch zu, doch aus der Geschichte kommt und will man nicht heraus. Es ist wie Urlaub, denn auch dann tritt die Erholung nicht sofort ein. Aber man spürt ganz deutlich, wie man von Tag zu Tag, von Seite zu Seite, immer mehr zur Ruhe kommt und zu sich selbst zurückfindet.

 

Ich braucht Urlaub? Ihr wollt einfach nur mal zur Ruhe kommen? Ihr seid schon im Urlaub? Dann wünsche ich euch ein paar fabelhafte Stunden mit Bora – Eine Geschichte vom Wind von Ruth Cerha, Frankfurter Verlagsanstalt

 

4 Comments

  1. Das Buch ist SO gut, weil es wahnsinnig Lust auf Sommer, Meer und Inselleben macht, ohne das ganze kitschig darzustellen. Auf nach Kroatien! 😀

    24. Juli 2015
    |Reply
  2. […] angedeutet, bin ich vom Program der Frankfurter Verlagsanstalt sehr angetan. Nachdem mir „Bora. Eine Geschichte vom Wind“ und nun auch „Bet empört sich“ so gut gefallen haben, musste ich noch ein wenig […]

    11. August 2015
    |Reply
  3. […] Bora. Eine Geschichte vom Wind von Ruth Cerha ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 978-3-627-00215-2, 256 Seiten, 19,90 Euro). Interessante Rezensionen zum Buch findet ihr auf We read Indie, Revolution, Baby, Revolution und bei Frau Hauptsachebunt. […]

    20. August 2015
    |Reply

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